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Hier haben Leser und andere am Thema Interessierte die Gelegenheit,
Fragen oder Einwände zu äußern.

Mail-Adresse: dillmann-renate@t-online.de

Die Frage:

 

In deinem China-Buch schreibst du auf S. 89, wie die Arbeitszeit in einer rationellen „Gebrauchswertökonomie“ - welche leider nicht die Programmatik der chinesischen Kommunisten war - in zweierlei Hinsicht relevant wäre, nämlich erstens in der Produktionsplanung selbst, zweitens aber auch bezüglich der Verteilung: „Wer sich Konsumwünsche über eine entsprechend ordentliche Grundversorgung hinaus erfüllen will, hat dafür mit einem Einsatz zu zahlen, der ebenfalls über die von allen zu leistende (und gegenüber heutigen Verhältnissen deutlich minimierte) Arbeit hinausgeht.“  Ich kann diese Ausführungen großenteils teilen, habe mir aber mit dem Aspekt einer an der individuellen Arbeitsleistung bemessenen Konsumtion jede Menge Kritik eingefangen.  Zum einen wird mir dazu vorgehalten, ich würde eine Unersättlichkeit der Menschen unterstellen, denn ansonsten bräuchte man die individuelle Konsumtion von keinerlei Kriterien abhängig machen, sondern schlicht und einfach nur befriedigen. Zum anderen wird mir vorgeworfen, das wäre ja genau so übel wie Lohnarbeit, wenn man sich im Sozialismus eine erhöhte individuelle Konsumtion durch einen erhöhten eigenen Beitrag für die gesellschaftliche Produktion verdienen müsse, und die Gebrauchswerte seien insofern dann doch wieder Waren mit einem zu entrichtenden Preis.  Mich würde interessieren, mit welchen Argumenten du auf so eine Kritik antworten würdest.

 

Die Antwort:

 

Mit meinen kurzen Bemerkungen zu einer „Gebrauchswertökonomie“ wollte ich gegen mehrere Missverständnisse anschreiben: Auf bürgerlicher Seite gegen die Vorstellung, dass eine kommunistische Planwirtschaft notwendigerweise alles über einen Kamm scheren muss und in ihrer Gleichmacherei auf individuelle Wünsche keine Rücksicht nehmen kann. Auf linker Seite gegen die Vorstellung, dass sich mit der Beseitigung von Eigentum, Klassengesellschaft und der dafür nötigen Staatsgewalt auch so ungefähr alle ärgerlichen Phänomene in Luft auflösen und von heute auf morgen Friede, Freude und Eierkuchen herrschen. Letzteres ist eine Vorstellung, die bspw. in GSP-Kreisen vorkommt und vielleicht etwas damit zu tun hat, dass man sich dort weigert, über die Frage der Übergangsgesellschaft im Hier und Jetzt nachzudenken, wo diese Frage doch keineswegs anstehe. Das stimmt ja bedauerlicherweise, ist aber m.E. nach kein schlüssiger Grund dafür, sich solche Gedanken einfach zu verbieten. Auch das oft vorgetragene Argument, dass sich aus der Kritik der bürgerlichen Gesellschaft bereits genügend klar „ergibt“, was demgegenüber eine sozialistische auszeichnen würde, so dass man sich darüber gar nicht mehr äußern müsse, finde ich nicht logisch. Denn dann ließe sich ja auch festhalten, dass die Bestimmungen einer sozialistischen Gesellschaft im Umkehrschluss deutlich machen, welche Kritik an der jetzigen ihr zugrunde liegen...

Wie auch immer – das Thema ist eigentlich wirklich interessant und wert, dass es einmal ausführlicher behandelt wird. In meinem China-Buch habe ich ja lediglich einige ziemlich dürre Andeutungen dazu gemacht. Jetzt aber zu deinen Fragen und was ich dazu sagen würde.

 

Zum „unersättlichen Menschen“ würde ich sagen, dass Menschen ja viel wollen können, aber wohl kaum „unendlich“ viel. Das ist ein Konstrukt der bürgerlichen Volkswirtschaftslehre, das eine gegenüberstehende „Knappheit“ der Güter konstatiert. Ja klar, wenn die Menschen so beschaffen sind, dass sie nie zufrieden sind, dann sind die Güter – egal, wie viel produziert werden – eben immer zu wenig. Aus diesem zielstrebig erdachten Dilemma wird dann eine Welt der Konkurrenz, der Preise und  alles mögliche andere gerechtfertigt. Dieser Gedanke ist also in sich verkehrt.

Umgekehrt ist es aber auch gar nicht der Zweck einer kommunistischen Gesellschaft, jedem jedes (irgendwie nur denkbare) Bedürfnis zu erfüllen. Sondern es ist ihr Zweck, dass die Mitglieder dieser Gesellschaft sich die wesentlichen Probleme vom Hals schaffen, die ihnen eine auf Eigentum beruhende Ökonomie einbrockt. „Eine ordentliche Grundversorgung“ ist in diesem Zusammenhang also etwas ganz anderes als das Existenzminimum unter Hartz-IV-Bedingungen: Mit möglichst geringem Arbeitsaufkommen (so in der Größenordnung von 3 - 4 Arbeitsstunden pro Tag) das zu erhalten, wovon sich schon gut und schön leben lässt:
• Lebensmittel, die den Namen verdienen
• ein gutes Gesundheitswesen, auf dessen Auskünfte und Behandlung sich die Leute verlassen können
•  eine Bildung, die die Teilnehmer der sozialistischen Gesellschaft befähigt, selbst und bewusst über ihre Verhältnisse zu entscheiden
• Kooperation statt Konkurrenz, sichere Lebensverhältnisse statt den ewig unsicheren und rastlos umgewälzten kapitalistischen usw. usf.
Anzumerken wäre auch, dass die Bedürfnisse, die Menschen entwickeln, natürlich auch sehr weitgehend Produkt der Verhältnisse sind, unter denen sie leben. Damit meine ich nicht nur, dass der Kapitalismus viele idiotische Bedürfnisse erzeugt, um daran verdienen zu können. Sondern ich denke auch an Beispiele der Art, dass ein anders organisiertes Arbeitsleben, das die Menschen nicht in eine solche Hetze stürzt wie ihr bisheriges Erwerbsleben, ergänzt um für alle nutzbare und gut ausgebaute öffentliche Verkehrsmittel (bis hin zum Fahrrad- und Carsharing in den Städten) den Stellenwert eines eigenen Autos ziemlich herabsetzen würde.

 

Über die genannte Grundversorgung, die allen Mitgliedern dieser Gesellschaft zukommt, hinaus sollte sich die sozialistische Gesellschaft bewusst sein, dass es individuelle Unterschiede und Gegensätze in den Vorstellungen von Bedarf, Produktion, Arbeits- und Freizeit gibt, und dafür geeignete Formen der Auseinandersetzung bzw. Wahlmöglichkeiten zwischen Zeit und Konsum entwickeln. Das gegen das weit verbreitete bürgerliche Vorurteil, eine Planwirtschaft müsse notwendigerweise alle Bedürfnisse über einen gleichmacherischen Kamm scheren. Individuelle Unterschiede bezüglich Konsum und Arbeitszeit (der eine will gerne diverse Sachen haben und nutzen, der andere lässt es lieber ruhig angehen) können und sollen in einer geplanten Wirtschaft durchaus zum Zug kommen, ohne dass das den gemeinsamen Zweck: eine Produktion zu organisieren, die möglichst wenig Gegensätze zwischen den Produzenten schafft und möglichst viele zufrieden stellt, aushebelt.
 

Von linker Seite wird sich oft nach einer ganz anderen Seite hin übertreibend vorgestellt, dass eine solche Gesellschaft einfach alles im Überfluss hat, man sich nur etwas wünschen muss und gleich alles haben kann – eine genau so abstrakte und weltfremde Konstruktion wie die Vorstellung eines Nimmersatt-Menschen. Und eine ziemlich kindische Ausmalung dessen, wie schön es ist, wenn nur der Kapitalismus mit seinen Gegensätzen weg ist. Die Aufhebung von Eigentum und bürgerlicher Staatsgewalt schafft viele, aber noch lange nicht alle praktischen Probleme von Arbeitszeit und Konsum aus der Welt – und es wird sicher (und gerade dann!) einiges an unterschiedlichen und gegensätzlichen Vorstellungen dazu zu diskutieren und zu entscheiden geben. Nur einige Beispiele:
• Eine Lebensmittel-Produktion zu organisieren, die weniger giftig ist und wohlschmeckende Resultate erzeugt, ist im Vergleich zur kapitalistischen Landwirtschaft vermutlich erheblich arbeitsintensiver – da stellt sich für eine solche Gesellschaft die Frage, welche Option sie da bevorzugt (möglicherweise einen länger andauernden Übergang).
• Es gibt weltweit viel Armut und Unterentwicklung, für deren Beseitigung eine solche Gesellschaft vielleicht nach ihren Möglichkeiten einstehen will – in dieser Frage müssen die Gesellschaftsmitglieder entscheiden, wie viel Reichtum (und damit Arbeit) sie für ein solches Ziel einsetzen wollen.
• Zeit- und ressourcenschonendes Produzieren ist eine Zweckbestimmung, die im Rahmen einer Gebrauchswertökonomie vernünftig ist, aber in einem wahrscheinlich nie aufzuhebenden Gegensatz zur puren  Überfluss-Produktion steht. Usw. usf.
Da gibt es also einiges an widersprüchlichen Überlegungen – gesamtgesellschaftlich wie individuell. Und es wird eine erste Leistung der sozialistischen Gesellschaft sein, dass ihre Mitglieder über diese Fragen überhaupt gemeinsam und bewusst entscheiden (und diese Frage nicht, wie im Kapitalismus „hinter dem Rücken“ derer, die den Reichtum der Gesellschaft herstellen, durch den Sachzwang des Wert entschieden wird).

 

Dazu ein Blick zurück auf die jetzige Gesellschaft. In der sind all diese Dinge praktisch entschieden – und zwar durch die Macht des Geldes. Die Geldbesitzer entscheiden darüber, was hier produziert wird (weil es sich lohnt) und wie viele Menschen hier wie lange und zu welchen Bedingungen arbeiten müssen/dürfen (weil es sich lohnt). Mit diesen Berechnungen entscheiden sie letztlich auch darüber, was sich ein normaler Sterblicher hier leisten kann (weil er so und so viel Geld verdient hat), wie viel Dreck er dafür zu schlucken und anzuziehen hat und wie viel Armut in den kapitalistischen Ländern und auf der ganzen Welt herrscht. Der Zwang zur Lohnarbeit und seine Folgen für die Lebenszeit, über die jeder verfügt, bzw. den Anteil am Reichtum, den er sich damit erwirbt, ist also etwas sehr verschiedenes von dem, was ich als Prinzip einer sozialistischen Gesellschaft erläutert habe. Da solltest du deinen Diskussionspartnern durchaus einmal den Vorwurf machen, dass sie von dieser bürgerlichen Gesellschaft nicht allzu viel verstanden haben, wenn sie das für annähernd dasselbe halten.
 

Also weder unersättlicher Mensch noch Neuauflage eines Arbeitszwangs. Sondern nur die – gegenüber einer kommunistischen Paradiesvorstellung, wo von heute auf morgen alles in Butter ist, so dass man keine Einschränkungen und keine Streitereien mehr kennt, – relativ nüchterne Überlegung, dass es so ideal nicht sein wird und es eine Reihe von individuellen und gesellschaftlichen Feldern geben wird, in denen die Menschen ganz praktisch verschiedenes wollen. Arbeitszeit gegen Konsum zu verrechnen, mit anderen Worten: die Individuen im Rahmen einer gesamtgesellschaftlichen Planung in Teilbereichen selbst über das Verhältnis von Aufwand und Ertrag entscheiden zu lassen, das sie für sich wollen, wäre da meines Erachtens nach eine durchaus denkbare Lösung.   

 

Ich hoffe, dass dir diese Überlegungen weiterhelfen. Ansonsten schreib’ mir, was dir nicht einleuchtet oder fehlt.

 

Herzliche Grüße, Renate

 

PS: ich weiß nicht, wo du wohnst – ich wohne im Ruhrgebiet. Vielleicht könnte es ja auch einmal eine „wirkliche“ statt einer digitalen Unterhaltung geben...

 

 

 

 

 

Antwort auf die Frage eines "unbekannten Verehrers" (Anfrage siehe unten):

 

Ist ein Aufbau des Sozialismus auch in Ländern ohne entwickelte Produktivkräfte möglich?

(und wäre er im Fall der Volksrepublik China möglich gewesen?)

 

Die skeptische Überlegung dazu lautet:

„Solange ein gesellschaftlicher Mangel herrscht, gäbe es zwar mit staatlicher Gewalt die Möglichkeit, diesen Mangel zu verallgemeinern (alle haben wenig), eine ökonomische Entwicklung kommt so allerdings nicht zustande.

Dazu braucht es schon erst ´mal die Konzentration des spärlichen Reichtums in relativ wenigen Händen (z.B. Männer und Frauen, die von der anstrengenden Feldarbeit befreit sind, um sich z.B. einem wissenschaftlichen Studium widmen zu können und insgesamt bessere

Lebensbedingungen haben).

Das heißt letztlich nichts anderes als eine Klassengesellschaft mit Privilegierten einerseits  und ärmeren Menschen andererseits. Um dieses gesellschaftliche Verhältnis der sich in einer auf materiellen Mangel begründeten Gesellschaft mehr oder weniger zwangsläufig herausbildenden Klassen tatsächlich aufheben zu können, braucht es nunmal entwickelte Produktivkräfte, die es ermöglichen, genügend Wohlstand für alle Menschen zu schaffen.“

 

Zu dieser Passage einige kritische Anmerkungen:

Zunächst sollte man m.E. unterscheiden.

• Wenn eine sozialistische Gesellschaft Lehrer und Wissenschaftler, die am technischen Fortschritt tüfteln sollen, von der normalen Arbeit freistellt und mit Lebensmitteln versorgt, mag das ein vergleichsweiser Vorteil gegenüber dem hart körperlich arbeitenden Rest der Bevölkerung sein. Das aber ist nicht gleichzusetzen mit der Einrichtung von Privilegien – im Gegenteil: die Bevorzugung ist nicht auf dauerhafte Besserstellung angelegt; sie dient ja umgekehrt gerade der Überwindung dieser als mangelhaft begriffenen Situation.

Privilegien wiederum sind nicht identisch mit dem, was der Begriff „Klassengesellschaft“ sagen will, sondern sind sozusagen die bürgerliche Fassung davon: Sonderrechte, Bevorzugung gegen ein allgemeines Gleichheitsideal. Der Begriff Klassengesellschaft dagegen behauptet, dass es sich um eine Gesellschaft handelt, in der der Nutzen der einen Klasse der Ausbeutung der anderen entspringt und die Interessen der Klassen in einem unüberwindbaren Gegensatz stehen (was man von den Interessen der für einen sozialistischen Aufbau forschenden Wissenschaftler nicht sagen kann).

Insofern finde ich es auch falsch, jede Besserstellung von Funktionären, jeden Vorteil, den sich irgendwer in den realsozialistischen Gesellschaften verschaffen konnte, gleich als „Wiederauferstehung der Klassengesellschaft“ zu titulieren. Das trifft den Zweck dieser sozialistischen Projekte als Ganzes nicht: Die realsozialistischen Ökonomien bestanden nicht darin, einer neuen, anderen Klasse zu Reichtum zu verhelfen, sondern einen unter staatlicher Leitung planmäßig produzierten Reichtum volksfreundlich zu verwenden. Dieser Zweck führt mit all den Implikationen, die ihn ihm stecken (Stichworte: geplante Wertproduktion mit ihren Widersprüchen, Ansprüche der sozialistischen Staatsführung an den Aufbau der Ökonomie im Wettbewerb mit anderen Nationen) zu den bekannten Resultaten einer sozialistischen Mangelwirtschaft mit viel Arbeit und wenig Ertrag für die Produzenten und ist darin kritikabel. Es trifft aber auch nicht die in diesen Gesellschaften aufkommende „kleine Korruption“, bei der die Machtstellung innerhalb der Partei/des Staats zur Aneignung von Reichtum ausgenutzt wird – was verglichen mit den demokratischen Marktwirtschaften, deren Zweck im privaten Reichtum besteht, eine ziemlich poplige und zudem immer skandalträchtige Angelegenheit ist und bleibt.

 

Einmal anders überlegt: Jede kommunistische Bewegung/Partei mit dem Programm „genügend Wohlstand für alle Menschen zu schaffen“ hätte in der mangelhaften Industrialisierung Chinas oder eines anderen ähnlichen Landes extrem schwierige Bedingungen vorgefunden. Ein Teil ihrer Maßnahmen hätte also in der Tat zwangsläufig zunächst darin bestehen müssen, den vorgefundenen Mangel zu verwalten – damit auch: den Menschen Funktionen in der Arbeitsorganisation und Zugangsberechtigung zum Konsum zuzuweisen. Allgemein gesagt: Eine solche nicht industrialisierte Gesellschaft zu entwickeln, ist ohne staatliche Gewalt, ohne Herrschaft nicht denkbar, und zwar auch dann nicht, wenn diese das Ziel verfolgt, allen Mitgliedern der Gesellschaft möglichst schnell zu einem annehmlichen Leben zu verhelfen, und dieses Ziel planmäßig angegangen wird.

 

Eine Bewegung, die dieses Ziel in einem nicht-industrialisierten Land verfolgen will, wäre insofern eine Art „Entwicklungsdiktatur“. Was wären deren Aufgaben? Sie müsste den Menschen klar machen, dass ihre Kooperation selbst eine Produktivkraft ist, so dass – zumal auf dem Land – bereits das Zusammenlegen der Kräfte und vorhandenen bescheidenen Mittel die Ergebnisse für alle verbessert. Sie müsste Wert darauf legen, dass die Abgaben, die die Bauern weiterhin zu leisten haben, für sie selbst erkennbar nützlich sind, weil mit ihnen der Aufbau von Gesundheitswesen, Schulen, Hochschulen finanziert wird. Mittelfristig müssten sich die Früchte dieser Zeit, die von viel Arbeit und langsamem Fortschritt gekennzeichnet ist, zeigen in einem deutlichen Zuwachs an materiellen Mitteln, die den ländlichen Produzenten ihre Arbeit erleichtern und ihre Resultate vervielfachen (dadurch, dass es Staudämme, Straßen und Maschinen für die Landarbeit gibt, wissenschaftlich verbessertes Saatgut, die Anleitung der neu ausgebildeten Agraringenieure, Lehrer, Mediziner usw.)  Für die kommunistische Herrschaft wäre das eine keinesfalls einfache Gratwanderung von praktischem Zwang (gegenüber denen, die diesem Programm feindselig gegenüberstehen, weil sie am bäuerlichen Klein- oder Großeigentum festhalten) und gedanklicher Überzeugungsarbeit.

So wäre in etwa die Politik einer kommunistischen Partei in einem nicht-industrialisierten Land, das keine nennenswerte Hilfe von außen zu erwarten hat, angelegt. Dabei spielen selbstverständlich weitere Bedingungen des Landes – seine Größe, seine natürlichen Voraussetzungen, der körperliche und geistige Zustand der Bevölkerung usw. – eine Rolle, weshalb diese Überlegungen notwendigerweise grob und abstrakt sind.

 

Insgesamt kommt es ganz und gar darauf an, ob die kommunistische Führung ihrerseits klar vor Augen hat und im Laufe der ersten nachrevolutionären Phase auch daran festhält, dass diese Organisation einer Übergangsgesellschaft mit der Beseitigung des materiellen Mangels den Zweck hat, diese Herrschaftsfunktionen, sprich: sich selbst als hervorgehobenen und damit auch privilegierten Teil der Gesellschaft überflüssig zu machen. Daran zeigt sich, ob das Ziel der gesellschaftlichen Entwicklung wirklich darin aufgeht, die Menschen mit möglichst wenig anstrengender Arbeit materiell zu versorgen, so dass sie ein angenehmes Leben führen können. Oder ob es sich – von Beginn an oder inzwischen – bei der Entwicklung der Gesellschaft um die In-Wert-Setzung der Bevölkerung für ein übergeordnetes Ziel handelt, etwa den  Aufstieg der eigenen im Wettstreit der Nationen. Wenn das zum Zweck der kommunistischen Entwicklungsdiktatur wird, hat die Partei irgendwann auch kein Problem mehr mit ihrer Rolle als immerfort nötiger „Vorhut“; stattdessen verlangt sie von ihren Massen Dankbarkeit und Einsatzfreude und sieht es als ganz und gar gerechtfertigt an, wenn sich die eigenen Kader ihren anstrengenden Dienst mit kleinen Sonderrechten vergelten.

 

In dem angesprochenen Streitgespräch ging es mir vor allem darum, die sog. „Etappentheorie“ zurückzuweisen. Darin wird behauptet, dass es die historische Phase des Kapitalismus braucht, um die Produktivkräfte eines Landes zu entwickeln, auf deren Basis der Sozialismus dann seine paradiesische Wirkung entfalten kann. Diesem Argument liegt eine Verwechslung zugrunde: Aus der Tatsache, dass die kapitalistischen Unternehmen für ihre Konkurrenz um Vermehrung ihres Eigentums die technische Entwicklung in einer bis dahin unbekannten Art und Weise vorangetrieben und  eingesetzt haben, folgt nämlich nicht, dass es ohne kapitalistisches Verwertungsinteresse keine schnelle Industrialisierung geben könnte. Wieso sollte das so sein? Wieso sollte ein sozialistisches Land keine nützlichen Maschinen konstruieren und bauen können? Wieso sollte es dabei nicht die aus der kapitalistischen Verwendung der Technik folgenden negativen Wirkungen auf Arbeiter und Natur vermeiden? Und wieso sollten ausgerechnet Leute, die sich klar gemacht haben, was die Härten der „ursprünglichen Akkumulation“ bei der Entstehung kapitalistischer Gesellschaften beinhalten – systematische Verarmung einer Landbevölkerung, die darüber in den elenden Status eines Industrieproletariats gezwungen wird bei gleichzeitiger Bildung großer Geldvermögen, die auf Vermehrung sinnen –, der Meinung sein, dass nur das Erleiden eines solchen „Prozesses“ am Ende die Maschinen hervorbringen könnte, die ein sozialistischer Planer gerne einsetzen will? Die Behauptung, die notwendige Vorbedingung einer sozialistischen Gesellschaft sei ihre technische Entwicklung durch eine kapitalistische Phase halte ich insofern nicht für stimmig.

Vorgebracht wird dieses Argument übrigens meistens da, wo bestimmte strategische/taktische Entscheidungen kommunistischer Parteien legitimiert werden sollen: Angesichts dieser und jener Ausgangsbedingungen sei nichts anderes möglich (gewesen) als ...

Allein im Falle Chinas gibt es mehrere Beispiele für die Verwendung dieses Arguments:

• Die Hilferufe der chinesischen Kommunistischen Partei an die Führung der jungen Sowjetunion wurden mit dem Argument, im feudalen China stehe jetzt keine sozialistische, sondern eine bürgerliche Revolution auf der Tagesordnung der Weltgeschichte, abschlägig beschieden und die chinesischen Kommunisten wurden zur Bildung einer Volksfront mit der Guomindang-Partei aufgefordert (vgl. S. 49 ff).

• Deng Xiaoping hat mit dem Argument, zunächst müssten die Produktivkräfte der Volksrepublik entwickelt werden, die Einführung kapitalistischer Produktionsmethoden begründet (vgl. S. 145 ff) und bis heute legitimiert die chinesische KP so die sozialen Härten ihrer Politik: Als leider unvermeidliche Kollateralschäden bei der Entwicklung der Vorbedingungen für eine wahrhaft sozialistische Nation, die es aber erst in ferner Zukunft geben könne (vgl. S. 327 ff).

In diesen Beispielen wird deutlich, dass die vorgefundenen Bedingungen ins Feld geführt werden, um Entscheidungen zu rechtfertigen und gegen jede kritische Nachfrage zu immunisieren. Erstens werden die Bedingungen dafür im Blick auf die spätere Entscheidung entsprechend gedeutet. Zweitens lässt sich aus einer Summe von Bedingungen logisch niemals zwingend der Inhalt des Umgangs mit ihnen erschließen, schließlich sind es nur die Bedingungen für etwas (anderes).

In unseren Beispielen sind es praktisch eben Zwecke der KP-Führungen (die außenpolitischen Interessen der jungen Sowjetunion, der Anspruch der chinesischen KP an die Entwicklung ihres Sozialismus als Mittel eines nationalen Wiederaufstiegs), die die Bedingungen des Landes auf sich bezogen und daraus ihre Entscheidungen abgeleitet haben. Vorgetragen aber haben diese die Entscheidungen als innere Sachnotwendigkeiten, die kein anderes Vorgehen erlaubt hätten.



Herrn oder Frau Maibach möchte ich bitte, mir an Mail-Adresse:

dillmann-renate@t-online.de

eine Mail zu senden. Ich werde Ihre Nachfrage dann beantworten.

MfG, Renate Dillmann

Zu dem Beitrag von Martin Otto: Vielleicht sind folgende Überlegungen zu "Nation" hilfreich:

 

Stichwort: Nation

 

Nation ist eine elementare Ideologie des bürgerlichen Staats, mit der eine Einheit von Staat und Volk behauptet wird. Das tatsächliche Herrschaftsverhältnis – der Staat unterwirft seine Gesellschaft per Gewalt, verpflichtet sie auf die Geltung des Eigentums und richtet sie damit als Klassengesellschaft ein –, wird umgedeutet in eine vor-staatlich begründete Gemeinschaftlichkeit, der die bürgerliche Staatsgewalt dient und der sie durch Gründung des nationalen Staats Ausdruck verleiht.

 

Bürgerliche Staaten setzen Macht und Mittel dazu ein, ihre Gesellschaft der Geltung des Eigentums und seiner Vermehrung zu unterwerfen. Sie verwalten die damit ins Leben gerufenen Gegensätze produktiv (–> Klassen, Sozialstaat, faux frais) und setzen sich nach außen für die Förderung der Geschäftsmöglichkeiten ihrer Unternehmer ein, um ein Wirtschaftswachstum in Gang zu bringen, an dem sie partizipieren.

Seit der französischen Revolution, also mit Durchsetzung des bürgerlichen Staats, ist der Nationalstaat die übliche Form der Staatsgründung. Der territorialen Abgrenzung nach außen entspricht im Inneren die Konstitution des Staatsvolks. Sie beruht einerseits auf der gelungenen Durchsetzung einer zentralen Staatsgewalt gegen alle partikularen (feudalen, stammesmäßigen, ethnischen, religiösen etc.) Sonderinteressen und der Verpflichtung aller Bürger auf die Geltung des -> Eigentums. Darin erschöpft sie sich allerdings nicht. Bürgerliche Herrschaft verlangt von ihren Untertanen mehr als pure Unterwerfung unter die Gewalt einer Obrigkeit und ihrer Gesetze: ein auf Wille und Bewusstsein basierendes, bis in die Gefühlswelt reichendes Verpflichtungs- und Zusammengehörigkeitsverhältnis. „Italien ist gemacht, jetzt müssen wir Italiener machen“ (Massimo d’Azeglio, Mitbegründer des modernen italienischen Nationalstaats). Zusätzlich zu der realen Zuständigkeitserklärung, die die Staatsgewalt gegenüber den Bürgern praktiziert, indem sie sie mittels Pass und Unterwerfung unter ihre Vorschriften (Recht) und Ansprüche (Steuern, Wehrpflicht etc.) zu „ihren“ macht,  legt sie deshalb Wert auf eine fest verankerte ideologische Deutung dieses Herrschaftsverhältnisses. Das leistet der Gedanke der Nation bzw. die Stiftung einer nationalen Identität.   

 

  1. Die Staatsgewalt, die ansonsten das Recht setzt, beruft sich in dieser Konstruktion auf die Nation als ihren sie verpflichtenden Auftraggeber. Damit ist eine höhere, der Staatsgewalt selbst unverfügbare Rechtsqualität fingiert. Das von der politischen Klasse Gewollte wird so in den Rang eines Imperativs erhoben, der schon mit der Existenz des Staates (in manchen Fällen sogar schon vorher) gegeben sein soll. Rechtfertigende Umwege über Moral, nachweislichen Nutzen für die Untertanen oder sonstige „sachfremde“ Gesichtspunkte entfallen. Mit „Nation“ wird ein absoluter Rechtstitel des staatlichen Handelns eingeführt. Die tatsächlich stattfindenden politischen Aktionen werden davon gedanklich unterschieden; sie verstehen sich als Dienst an diesem unwidersprechlichen Oberzweck und werden daran gemessen.
    Das ist der Inhalt der „nationalen Sache“, mit der jedes politische Tagesgeschäft seine prinzipielle Weihe erfährt.

 

  1. Als ideeller Auftraggeber des Souveräns ist „das Volk“ gedacht. In dieser Logik werden die sozialen Charaktere der bürgerlichen Gesellschaft – Arbeiter, Bauern, Groß- und Kleinhändler, Fabrikanten Bankiers, Rentiers und Rentner ­– die sich realiter durch eine Reihe von Unterschieden und Gegensätzen auszeichnen, ideell zu einer Einheit zusammengefasst. Dabei wird nicht geleugnet, dass die diversen „Volksgenossen“ ihre Mitgliedschaft in der Nation sehr unterschiedlich genießen bzw. bezahlen; dies wird nur anders gedeutet: als unterschiedlicher Dienst, den die gesellschaftlichen Stände der gemeinsamen „Sache“ bringen. 
    Als „nationales Kollektiv“ wird die
    Manövriermasse der Staatsgewalt zweitens zum Subjekt all dessen ernannt, was ihre Herrschaft mit ihr anstellt. Alles, was mit ihm geschieht, wird dem Volk als seine „Geschichte“ zugeschrieben. Die Ergebnisse politischer Herrschaft, die sich einen ganzen Menschenschlag zum Mittel macht, werden so umgekehrt in den gemeinschaftlichen Lebensprozess eines fiktiven kollektiven Subjekts.

 

  1. Diese ideologischen Umdeutungen der Klassengesellschaft und ihrer staatlichen Betreuung erfahren keine Zurückweisung. Sie sind geglaubtes Allgemeingut und fester Bestandteil bürgerlichen Selbstverständnisses.
    Die Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft verfolgen ihre Interessen als die sich wechselseitig ausschließenden von Privateigentümern; ihr individueller Nutzen kommt nur als Schädigung der anderen zustande. In der Konkurrenz um Geld neigen sie dazu, die Freiheit des Eigentums ihres Gegenübers zu missachten, was ihnen umgekehrt als Gefährdung ihres Eigentums, ihres Lebens und ihrer Freiheit durch die Mitbürger erscheint. Statt „nationaler Zusammengehörigkeit“ und „Gemeinschaft“ nehmen sie von diesem Standpunkt aus die Gesellschaft, auf die sie angewiesen sind, als Hauen und Stechen wahr („bellum omnium contra omnes“).  Um ihre Interessen als Privateigentümer zu wahren, wollen sie die Unterwerfung der Gesellschaft unter eine Staatsgewalt, die zwar auch ihre persönlichen Interessen rechtlich und ökonomisch beschränkt (Gesetze und Steuern), dadurch aber die allgemeine Anerkennung und Aufrechterhaltung von Person, Eigentum und Gesellschaft, die sie zu ihrem Vorteil ausnutzen wollen, garantiert.
    So ordnen sie sich der Gewalt, die sie auf die eigen-tümliche Art und Weise ihrer Interessenverfolgung festgelegt hat, berechnend unter. Sie denken egoistisch an sich – und begründen damit ein Verhältnis prinzipieller Loyalität gegenüber der Instanz, die ihr „Leben“ in der kapitalistischen Ökonomie tatsächlich erst möglich macht. Und zwar klassenübergreifend: auch wenn nur eine Minderheit der bürgerlichen Gesellschaft materiell auf ihre Kosten kommt, brauchen tatsächlich
    alle ihre Mitglieder die politische Gewalt und ihre Aktivitäten. Der moderne „soziale“ Kapitalismus hat es dabei soweit gebracht, dass gerade die materiell Geschädigten auf nichts so sehr angewiesen sind wie auf die sozialstaatliche Betreuung ihrer Armut.
    Das vom Staat durch seine Eigentumsordnung
    erzwungeneBedürfnis seiner Bürger nach einer gewaltsamen Betreuung ihrer Konkurrenz, begründet also „Einsichtigkeit“ und Wirkmächtigkeit des ideologischen Deutungsangebots. Ihre praktische Abhängigkeit von seiner Gewalt übersetzen die Bürger in die Vorstellung einer Einheit von Volk und Staat in der Nation, damit in das Bild einer dienstbaren, fürsorglichen Staatsgewalt. Das antagonistische Verhältnis der konkurrierenden Privateigentümer ergänzen sie um das Ideal einer unverbrüchlichen nationalen Gemeinschaft: Brüderlichkeit.

 

Zwischenfazit: „Nation“ stiftet gegenüber dem schäbigen Alltag der konkurrierenden Interessen in der Klassengesellschaft und ihrer Verwaltung durch die politische Gewalt den nötigen und passenden Sinn. Bei alledem soll es sich um einen Dienst am Gemeinsamen und Höheren handeln – so sollen vor allem die materiell Geschädigten das, was sie schädigt, auffassen und sich zu weiteren Opfern animieren lassen. In diesem Sinne funktioniert „Nation“ wie eine säkularisierte –> Religion.

 

Staat und Volk entwickeln dabei das Bedürfnis, der Lüge von der Einheit, dem nationalen Kollektiv,  praktischen Ausdruck zu verleihen. Ein Bundespräsident, nationale Gedenktage, Museen deutscher Geschichte, Feiertage deutscher Kultur bieten und verlangen die Identifikation des einzelnen mit „seiner“ Nation ebenso wie die Spiele der deutschen Fußballnationalmannschaft. Der einzelne kann und soll sich als Teil eines viel bedeutenderen Ganzen erleben und durch dessen Erfolge, Niederlagen sowie Symbole seiner Selbstdarstellung (Flagge, Hymne) zu tief empfundenen Gefühlen gerührt werden.

Im Staatsbürgerschaftsrecht erhebt der bürgerliche Staat die Ideologie einer an „seinen“ Menschen auffindbaren nationalen Identität zur praktischen Leitlinie seiner Gesetzgebung. Er definiert über biologische (ius sanguinis) oder territoriale (ius soli) Kriterien,  welche Individuen zu ihm gehören. Von diesen scheidet er alle anderen als Untertanen fremder Herrschaft. Soweit sie sich in seinem Territorium aufhalten wollen, unterzieht er sie seinem Asyl- oder Ausländerrecht, stellt sie damit unter einen generellen Vorbehalt und stattet sie mit minderen Rechten aus. Seine Staatsbürger können sie nicht aus eigenem Willen und Beschluss heraus werden – einem Staat kann man nicht „beitreten“ wie einem Sportverein. Wie auch immer Staaten das im Einzelfall regeln – stets liegt einem solchen Akt der Zulassung der staatliche Anspruch zugrunde, dass die neuen Bürger ihm ab sofort ihre unbedingte und vor allem ungeteilte Loyalität schulden. 

 

Nach außen, im Verhältnis der Staaten untereinander, stellt die Berufung auf die Nation im Katalog diplomatischer Instrumente einen hohen und entsprechend unwidersprechlichen Rechtstitel dar. Moderne Staaten gehen untereinander ein Verhältnis berechnender Anerkennung ein, um ökonomisch gegeneinander zu konkurrieren (–> Imperialismus, Diplomatie, Weltmarkt). Daraus entspringen eine ganze Reihe von Gegensätzen (im Handel, Geld- und Kapitalverkehr etc.), die die Staaten zu ihrem Vorteil zu „regeln“ versuchen; dafür setzen sie die ökonomischen ebenso wie die politischen (und als „ultima ratio“ militärischen) (Erpressungs-)Mittel ein, die ihnen zu Gebote stehen. Entsprechend viel haben moderne Staaten diplomatisch zu verhandeln. In diesen Verhandlungen ist neben konkreten Gegenständen immer auch sehr prinzipiell der Respekt Thema, den sich die Staaten als Nationen „überhaupt“ entgegenbringen – oder verweigern. An der Behandlung des Botschafters, der die Nation vertritt, an der Häufigkeit von Staatsbesuchen, am Kultur- und Jugendaustausch, an den Texten von Schulbüchern – an allem lässt sich vorführen oder ablesen, wie die eigene die fremde Nation schätzt oder missachtet (und vice versa). Nationale Symbole sind ein ebenso ernstes Thema wie Kriegsschuldfragen, die noch nach Jahrzehnten aufgetischt werden; und nationale Rechtstitel wie die Berufung auf eine deutsche Minderheit, die es irgendwann im Mittelalter mal irgendwohin verschlagen hat, werden je nach Bedarf aus der Tasche gezogen – was lächerlich klingt, es aber nicht ist. Die materielle Substanz liegt darin, dass sich in solchen Kindereien der Stand der imperialistischen Konkurrenz von Staaten um Über- und Unterordnung ausdrückt. Wenn Nationen „vitale Interessen“ tangiert sehen oder nationale Rechtsansprüche auf Gebiete und Menschen ins Spiel gebracht werden, ist allen beteiligten Parteien die Unbedingtheit des vorgetragenen Anspruchs klar, der keine Kompromisse erlaubt und den Übergang zur gewaltsamen Auseinandersetzung in sicht trägt bzw. naherückt.

Das Auftreten einer Nation in der Welt liefert ihren Bürgern Material, sich als gute Patrioten zu erweisen. Die wirkliche Konkurrenz der Staaten übersetzen sie sich in ein Bild von dieser; je nach Weltbild und Geschmack vergleichen sie Zahlungsbilanzen oder sportliche Leistungen, harte Währungen oder Lebensstile. Im Normalfall sind die Bürger selbstbewusst-stolze Angehörige ihrer Nation – und treten im Ausland oder gegenüber Ausländern entsprechend unangenehm auf; kritisch gestimmte Gemüter sind enttäuscht oder schämen sich (etwa für Untaten der Vergangenheit) und unterstreichen damit nur, für wie hervorragend sie ihre Nation eigentlich halten.

 

Die bürgerliche Erklärung von Nation behauptet eine vorstaatliche Gemeinschaftlichkeit einer Gruppe von Menschen, die sich in der Nation die ihr gemäße Wirklichkeit schafft.

Als Kriterien, die diese Menschen verbinden bzw. von anderen unterscheiden, werden Sprache, Geschichte und Kultur genannt – was logisch nicht haltbar ist. Weder ergeben sich aus diesen Momenten zwingend Nationalstaaten (siehe die diversen deutschsprachigen Staatengebilde), noch sind Nationalstaaten notwendig auf ihr Vorhandensein angewiesen (siehe die Schweiz als dreisprachigen Staat). Bei näherer Betrachtung erweisen sich Sprache, Geschichte und Kultur vielmehr als vom nationalen Staat hergestellte Momente, mit denen (unter anderen) er eine Summe von Menschen zu seinen Bürgern macht. Eine einheitliche Sprache beispielsweise setzt er im Normalfall als gemeinsame Hochsprache gegen alle überkommenen Mundarten durch. Werke von Dichtern und Denkern werden zu Bestandteilen einer nationalen Kultur erklärt, gleichgültig dagegen, ob sie diese Qualität als Gedicht, Musikstück oder Gedanke an sich haben oder nicht. Und zu „ihrer“ gemeinsamen Geschichte kommen Menschen normalerweise dadurch, dass ein Staat sie als Mittel seiner Erfolge und Niederlagen in Anspruch nimmt.

Sprache, Geschichte und Kultur haben insofern den Stellenwert von Bildern, die veranschaulichen, dass der nationale Zusammenhang zwischen Menschen seinen Grund nicht im banalen Umstand ihrer Unterwerfung unter eine staatliche Gewalt hat, die sie per Pass zu ihren Untertanen macht.

Moderne Betrachtungen des Themas Nation argumentieren funktionalistisch. Sie bemerken, dass es sich beim „Mythos Nation“ um eine „Konstruktion“ handelt, die ein Staat in die Welt setzt, um den nötigen sozialen Zusammenhalt seiner Gesellschaft zu stiften. Im Normalfall ist das allerdings weder als Kritik an der „nationalen Identität“ gemeint noch ist es Auftakt zu der Frage, warum Staat und Gesellschaft einen verlogenen „Mythos“ als sozialen „Kitt“ benötigen.  



Kommentare

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  • Mattis (Freitag, 17. Juni 2016 22:46)

    In deinem China-Buch schreibst du auf S. 89, wie die Arbeitszeit in einer rationellen „Gebrauchswertökonomie“ - welche leider nicht die Programmatik der chinesischen Kommunisten war - in zweierlei
    Hinsicht relevant wäre, nämlich erstens in der Produktionsplanung selbst, zweitens aber auch bezüglich der Verteilung: „Wer sich Konsumwünsche über eine entsprechend ordentliche Grundversorgung
    hinaus erfüllen will, hat dafür mit einem Einsatz zu zahlen, der ebenfalls über die von allen zu leistende (und gegenüber heutigen Verhältnissen deutlich minimierte) Arbeit hinausgeht.“

    Ich kann diese Ausführungen großenteils teilen, habe mir aber mit dem Aspekt einer an der individuellen Arbeitsleistung bemessenen Konsumtion jede Menge Kritik eingefangen.

    Zum einen wird mir dazu vorgehalten, ich würde eine Unersättlichkeit der Menschen unterstellen, denn ansonsten bräuchte man die individuelle Konsumtion von keinerlei Kriterien abhängig machen,
    sondern schlicht und einfach nur befriedigen. Zum anderen wird mir vorgeworfen, das wäre ja genau so übel wie Lohnarbeit, wenn man sich im Sozialismus eine erhöhte individuelle Konsumtion durch einen
    erhöhten eigenen Beitrag für die gesellschaftliche Produktion verdienen müsse, und die Gebrauchswerte seien insofern dann doch wieder Waren mit einem zu entrichtenden Preis.

    Mich würde interessieren, mit welchen Argumenten du auf so eine Kritik antworten würdest.

  • Maibach (Dienstag, 28. Mai 2013 14:59)

    "Wenn eine sozialistische Gesellschaft Lehrer und Wissenschaftler, die am technischen Fortschritt tüfteln sollen, von der normalen Arbeit freistellt und mit Lebensmitteln versorgt, mag das ein
    vergleichsweiser Vorteil gegenüber dem hart körperlich arbeitenden Rest der Bevölkerung sein." Vor allem bleibt Tüftelarbeit auch Arbeit. Die Versorgung von Wissenschaftlern und Ingenieuren hat
    deshalb nichts mit der Schaffung einer parasitären Klasse zu tun.

    "Eine solche nicht industrialisierte Gesellschaft zu entwickeln, ist ohne staatliche Gewalt, ohne Herrschaft nicht denkbar, und zwar auch dann nicht, wenn diese das Ziel verfolgt, allen Mitgliedern
    der Gesellschaft möglichst schnell zu einem annehmlichen Leben zu verhelfen, und dieses Ziel planmäßig angegangen wird."
    Das Argument fehlt. Warum sollte es für Mangelverwaltung Gewalt brauchen, wenn die Bevölkerung einsieht, dass es Mangel gibt und seine Verwaltung vorerst der rationelle Umgang mit dem Mangel ist.
    Gewalt ist doch nur in dem Maße notwendig, wie diese Einsicht nicht existiert. Dass der Kommunismus den Reichtum verallgemeinert, bedeutet eben, dass er auch den Mangel verallgemeinert. Wenn Leute
    sowas machen und erkämpft haben in einer Mangelsituation, dann fragt sich doch warum sie die Mangelverwaltung nicht einsehen sollten. Sowas, also das Ablehenen der Mangelverwaltung unterstellt m.E.
    einen Putsch, der nicht von den Massen getragen ist, sodass dann hinterher die Mangelverwaltung gegen die Massen durchgesetzt werden muss.

  • Ein Verehrer (Mittwoch, 20. März 2013 00:54)

    Sehr verehrte Frsu Dillmann,

    noch eine Ergänzung zu meiner Frage, ob in einem okonomisch unterentwickelnden Land (wie zu Maos Zeiten China) ein Sozialismus bzw. gar Kommunismus möglich gewesen wäre.

    Ein anderes Beispiel ist die frühere Sowjetunion, in der es in einem ebenfalls relativ rückständigen Staat der KPDSU immerhin gelungen ist, das Land (trotz einer von Ihnen richtig kritisierten
    widersprüchlichen Planwirtschaft) industriell zu entwickeln und den Lebensstandard der Bevölkerung mehrheitlich zu erhöhen.
    (Allerdings waren die Voraussetzungen in Rußland 1917 etwas besser, da eine nennenswerte Industrie wenn auch im bescheidenen Umfang zu dieser Zeit bereits vorhanden war. Hinsichtlich dessen hatte
    China die schlechteren Karten.)

    Deshalb möchte ich meinen Einwand mit folgenden Thesen abschließen:

    1. Einmal abgesehen vom sog. Urkommunismus unserer Vorfahren (in dem die Menschen zwar materiell in relativer Gleichheit lebten, die allerdings auf allgemeiner Armut und Unwissenheit beruhte),
    braucht es heutzutage eine Industrie bzw. industrielle Fertigung als Voraussetzung für einen allgemeinen Wohlstand.

    2. Hätte die KP Chinas alles weitgehend richtig gemacht (und besonders ihren bornierten Nationalismus begraben), wäre der Aufbau eines Sozialismus bzw. Kommunismuns selbst unter diesen schwierigen
    Bedingungen möglich gewesen.

    3. Aufgrund der von Ihnen kritisierten Fehler war das Vorhaben allerdings zum Scheitern verurteilt.

    VG Ein Verehrer

    PS: Was ich an Ihnen besonders schätze, sind ihre gedanklichen (und damit untrennbar verbunden sicherlich auch emotionalen) Leistungen.

    Zumal Sie trotz ihres erheblichen Wissens keineswegs arrogant bzw. "auftrumpfend" auftreten und auch ´mal eine Schwäche bzw. Unsicherheit einräumen.

    Insgesamt scheinen Sie ein umgänglicher und geselliger, d.h. sozialer Mensch zu aein.

    Übrigens: Sehr mißfallen hat mir, daß Sie z.B. von der Zeitung "Junge Welt" weitgehend ausgegrenzt wurden und diese unter der Rubrik "China" nicht einmal auf ihr Buch hinweist.
    So jedenfalls kommen Sozialist(innen) bzw. Kommunist(innen) kaum auf einen "grünen Zweig".

  • Ein Verehrer (Montag, 18. März 2013 04:38)

    Sehr verehrte Frau Dillmann,

    noch ein Nachtrag zu meiner soeben gesendeten E-Mail.

    Allerdings: Wenn schon materielle Unterschiede unter den Menschen für einen bestimmten historischen Zeitraum im Interesse einer ökonomischen Entwicklung unvermeidbar sind, sollten sich die
    Privilegierten bewußt sein, daß sie ihre Stellung der Gesellschaft zu verdanken haben und es letzlich darum geht, diese Unterschiede im Interesse aller Menschen zu beseitigen.
    Doch wer ist - zumal in einem unterentwickelten Land - schon derart vernünftig.

  • Ein Verehrer (Montag, 18. März 2013 04:19)

    Sehr verehrte Frau Dillmann,

    Ihr erfrischender Verstand ist wirklich eine Freude.

    Da ich inhaltlich gegen Ihre Ansichten kaum etwas einzuwenden habe und Ihnen im wesentlichen zustimme, möchte ich auf folgendes eingehen.

    Die damalige Bewegung um Mao eroberte die Macht in einem Staat, der noch unter den Folgen des 2.Weltkriegs litt und ansonsten technologisch ziemlich unterentwickelt war.

    Mit einem "Sprudeln" der materiellen Rechtumsquellen
    für einen allgemeinen Wohlstand war deshalb erst ´mal nichts.

    Einmal abgesehen von der Möglickeit, sich mit der damals bereits vorhandenen Sowjetunion zu vereinen (was die Lage verbessert hätte, aber bekanntlich nicht wirklich zustande gekommen ist), stand die
    Partei vor der Aufgabe, einen Sozialismus bzw. gar Kommunismus in einem Land mit einer relativ armen Bevölkerung aufzubauen.

    Ihrer in einem Vortrag geäußerten Ansicht nach wäre das im Rahmen einer vernünftigen Planwirtschaft (d.h. ohne Wert und Geld) selbst unter diesen schwierigen Bedingungen möglich gewesen.

    Das bezweifele ich aus folgenden Gründen.

    Solange ein gesellschaftlicher Mangel herrscht, gäbe es zwar mit staatlicher Gewalt die Möglickeit, diesen Mangel zu verallgemeinern (alle haben wenig), eine ökonomische Entwicklung kommt so
    allerdings nicht zustande.

    Dazu braucht es schon erst ´mal die Konzentration des spärlichen Reichtums in relativ wenigen Händen (z.B. Männer und Frauen, die von der anstrengenden Feldarbeit befreit sind, um sich z.B. einem
    wissenschaftlichen Studium widmen zu können und insgesamt bessere Lebensbedingungen haben).

    Das heißt letztlich nichts anderes als eine Klassengesellschaft mit Privilegierten einerseits und ärmeren Menschen andererseits.

    Um dieses gesellschaftliche Verhältnis der sich in einer auf materiellen Mangel begründeten Gesellschaft mehr oder weniger zwangsläufig herausbildenden Klassen tatsächlich aufheben zu können, braucht
    es nunmal entwickelte Produktivkräfte, die es ermöglichen, genügend Wohlstand für alle Menschen zu schaffen.
    (Was zumindest in den kapitalistisch entwickelten Ländern schon längst der Fall ist, weshalb ein anderes Wirtschaftssystem schon längst fällig wäre.)

    Ansonsten hieße das, auf eine Entwicklung weitgehend zu verzichten.

    VG Ein unbekannter Verehrer

    PS: Um die Problematik vereinfacht an einem Beispiel aufzuzeigen. Solannge es (sehr) aufwendig ist, Autos herzustellen, ist es schlichtweg nicht möglich, daß alle eines bekommem. Das heißt entweder
    im Interesse einer materiellen Gleichheit auf deren Bau zu verzichten oder die einen haben (vorerst) eins und die anderen eben nicht.

  • Renate Dillmann (Dienstag, 29. Januar 2013 17:18)

    Hallo unbekannter Interessent,

    Ich weiß es selbst noch nicht. Wollte mit dem e-book erst einmal das Interesse antesten - zudem kann man auf diese Art und Weise farbige Bilder mitliefern, die eine Veröffentlichung sonst extrem
    teuer machen. Wenn ich das Buch ohne alle Bilder bei epubli ausdrucken lasse, kostet es mit Versand ca. 18 Euros, etwas teurer vermutlich, wenn die Bilder in Schwarz-Weiß mit abgedruckt werden. Wenn
    Sie/du an einer solchen Variante Interesse hätten/hättest, kann ich das gerne zusenden lassen, brauche dann nur eine Adresse.

    Mit herzlichen Grüßen

  • A. (Dienstag, 29. Januar 2013 00:22)

    Wird es "Unterwegs in Asien " auch als Buch, sprich gedruckt, geben?

  • Phase 2 - Zeitschrift gegen die Realität (Mittwoch, 02. Mai 2012 20:58)

    Liebe Renate Dillmann,

    wir, das heißt die „Phase 2 – Zeitschrift gegen die Realität“ planen für die kommende Ausgabe den Themenschwerpunkt China. Der Fokus liegt dabei auf Selbst- und Fremdwahrnehmung der
    Volksrepublik.

    Ein Artikel, für den wir Sie hiermit anfragen wollen, soll die Außenwahrnehmung Chinas im Westen und insbesondere in Deutschland zum Gegenstand haben. Leitfragen dabei sind: Welche Kontinuitäten und
    Bruchlinien zum Ressentiment der „gelben Gefahr“ des ausgehenden 19. Jahrhunderts lassen sich in der gegenwärtigen Auseinandersetzung feststellen? Wie unterscheiden sich Vorurteile gegenüber China,
    Chinesen und Chinesinnen von anderen rassistischen Stereotypen?

    Könnten Sie sich vorstellen einen solchen Artikel dazu beizusteuern?

    Der Artikel sollte ca. 18.000 Zeichen umfassen.
    Ein Konzept mit ausführlicherer Darstellung des thematischen Schwerpunkts sende ich Ihnen auf Wunsch gerne zu.

    Falls Sie unsere Zeitschrift noch nicht kennen, finden Sie unsere website mit Heftarchiv unter http://phase2.nadir.org/

    Wir würden uns freuen, Sie als Autorin gewinnen zu können.

    Beste Grüße

    Martin für die Phase 2

  • Beate Harant (Sonntag, 13. November 2011 12:34)

    Liebe Renate Dillmann,

    Was die ökonomische Analyse betrifft, war diese aufschlussreich und für mich und nachvollziehbar. Die Grundaussage ist, dass beim Versuch, den Kapitalismus in China aufzubauen, weiterhin mit
    kapitalistischen Kategorien wie Wert und Gewinn hantiert wurde, was notwendiger Weise zu einem Widerspruch führen musste. Eine ähnliche Kritik hat auch Bettelheim am sowjetischen Modell geübt, der
    feststellte, dass der Staatskapitalismus mit einer Demokratie für die Massen unvereinbar war und so notwendiger Weise repressiv werden musste. (Charles Bettelheim: Über die Natur der sowjetischen
    Gesellschaft, 1979)

    Weit weniger kann ich mich aber Ihrer Analyse der Kulturrevolution anschließen. Ich habe sogar den Eindruck, dass sich die Kritikpunkte nicht sehr von jenen unterscheiden, die so gern von
    bürgerlicher Seite vorgebracht werden. Ich möchte das näher erörtern:
     Dass die Menschen in der Kulturrevolution mit Moral mobilisiert wurden, ist richtig. Aber eine revolutionäre Umgestaltung kann nicht auf die Ökonomie beschränken, sondern wird auf pädagogische
    Elemente nicht verzichten können (das „wie“ kann hinterfragt werden). Dass die „Massen“ nicht gelernt haben, als Subjekte für sich selbst zu sprechen, wird auch gleichzeitig beklagt. Die Gefahr
    „zurück in den Kapitalismus“ wird auch nach einer Revolution noch lange gegenwärtig bleiben, schließlich ist das der leichtere Weg. Die Kulturrevolution war ein Versuch dagegen anzukämpfen, der
    letztlich – so hat die Geschichte bewiesen –nicht erfolgreich war, sonst wäre es ja nicht möglich gewesen, den Kapitalismus ohne allzu großen Widerstand wieder einzuführen. Für mich haben die Fragen,
    die gestellt wurden, eine große Bedeutung. Und vor allem, DASS sie gestellt wurden. Die patriarchalischen Gegensätze und Hierarchien nicht nur zwischen Mann und Frau, sondern auch zwischen
    Intellektuellen und Bauern, Stadt- und Landbevölkerung – sprich den Experten und Technokraten und jenen, die bloß Anordnungen ausführen, ohne die Macht zu Entscheidungen zu haben, sind, so finde ich,
    sehr wesentliche Fragestellungen, die keineswegs irgendwo gelöst wurden und im heutigen Diskurs schon fast in Vergessenheit geraten sind.
     Die Zerstörung der Ordnung zu beklagen finde ich total bürgerlich, darauf gibt es nicht viel mehr zu sagen.
     Dass eine so gewaltige Massenbewegung von einer Person oder einer Gruppe angeleitet werden kann, wird auch von Gegnern der Kulturrevolution bestritten (leider weiß ich den Titel des Buches nicht
    mehr, wo dieses Thema behandelt wurde, es waren jedenfalls chinesische AutorInnen). Das hieße jedenfalls, die Massen gering einzuschätzen. Dass viele vielleicht nur im Strom „mitgeschwommen sind“ und
    ihre eigenen Ziele verfolgt haben, versteht sich von selbst, das wird aber auch nie zu verhindern sein. Verschiedene Erfahrungsberichte zeigen auch, dass die Einsätze auf dem Land durchaus auch sehr
    positiv und bereichernd erlebt wurden (z.B. Wang Zheng: Some of Us.)
    Ich habe mir von diesem Buch eine Kritik erwartet, die konstruktiv ist, also Fehler aufzeigt, aber auch Alternativen bietet, die zugegebener Maßen nur theoretisch sein können, da sie sich erst in der
    Praxis bewähren müssen. Diese Erwartung wurde nur teilweise erfüllt. Insgesamt ist mein Eindruck, dass die Kritik vor allem negativ ist. Eine gewisse eurozentristische Arroganz (einige Male wird das
    Wort blöd u.ä. verwendet) kann auch nicht ganz ausgeschlossen werden. Die Frage, was wir tun können, ist jedoch völlig ausgeklammert.
    Nach wie vor bin ich der Meinung, dass die kühnen Experimente, die während der Kulturrevolution in manchen Orten (keineswegs überall) stattgefunden haben, haben es verdient haben, diskutiert zu
    werden, und dass sie wertvolle Anregungen liefern können für eine Debatte über Demokratisierung, Feminismus, das Ungleichgewicht zwischen Nord und Süd usw.
    Über eine Diskussion würde ich mich jedenfalls sehr freuen.

  • Martin Otto (Mittwoch, 01. Dezember 2010 12:51)

    Liebe Frau Dillmann,

    nachdem ich mir den Vortrag zur Vorstellung des Buches über China anhörte, Podcast der Webseite der KK-Gruppe, war ich leider nicht mehr davon überzeugt, dass die Wahrheit aufrichtig vertreten wird.
    Es ist vorab zu loben, dass überhaupt auf eine korrupte Berichterstattung über China hingewiesen wird, Doppelmoral, Opportunimus, usw.
    Den neuen Imperativ des Kapitalismus, den Sie feststellen oder entschleiern und aussprechen, ist ein Kerngedanke.
    Mir geht es aber um Ihre Auffasung jener Form der Gesellschaft, welche Nation genannt. Sie dekonstruieren den Begriff bis auf das Bedeutungslose: eine leere Phrase, obwohl sie zugleich bestätigen,
    dass der Begriff im Zusammenhang der Opferbereitschaft steht. Dass Sie dann von China über Nordkorea bis Kuba alles, betreffend Nationalpolitik, als unüberlegt oder unzureichend geringschätzen,
    scheint mir eine voreilige Schlussfolgerung. Es scheint auch keine theoretische Grundlage zu haben. Stalin gibt in seinem theoretischen Werk Marxismus und nationale Frage (Wien 1913) drei
    Kennzeichen: gemeinschaftliche Sprache, Land und Wirtschaft. Zudem kommt noch historisches Kennzeichen: Epoche des Kapitalismus.
    Es ist ein sehr aufschlussreiches Werk, da es sich mit theoretischen Standpunkten der Österreicher auseinandersetzt. Obwohl sie Guido Westerwelle ein Mißverständnis vorwerfen, betreff Sozialismus,
    müsste Ihnen der Vorwurf gemacht werden, betreff Nation. Es handelt sich nicht nur um jedes beliebige rückständige Volk, das eine Resource oder Reserve des Staates darstellt. Es handelt sich doch um
    eine bestimmte Wertgrundlage, die, wenn wir Stalins Kennzeichen annehmen, ein Volk bedeutet, das durch Sprache, Land und fortgeschrittene Wirtschaft verbunden ist. Sie behaupten, dass Kommunismus dem
    gegenübersteht. Stalin nimmt diese Fragen in dem Werk durch, um Sozialdemokratie für echte Nationen herzustellen. Für wen wäre denn Kommunismus?

    Mit freundlichen Grüssen,

    Martin Otto

Antwort auf den Beitrag von Beate Harant:

 

 

Liebe Renate Dillmann,

liebe Leserin,

 

Was die ökonomische Analyse betrifft, war  diese aufschlussreich und

für mich und nachvollziehbar. Die Grundaussage ist, dass beim Versuch,

den Kapitalismus (gemeint: Sozialismus?) in China aufzubauen, weiterhin mit kapitalistischen Kategorien wie Wert und Gewinn hantiert wurde, was notwendiger Weise zu einem Widerspruch führen musste. Eine ähnliche Kritik hat auch

Bettelheim am sowjetischen Modell geübt, der feststellte, dass der

Staatskapitalismus mit einer Demokratie für die Massen unvereinbar war

und so notwendiger Weise repressiv werden musste. (Charles Bettelheim:

Über die Natur der sowjetischen Gesellschaft, 1979)

Diese Zusammenfassung ist allerdings bereits eine etwas andere Kritik als die, die ich am maoistischen Sozialismus habe. „Mit kapitalistischen Kategorien wie Wert und Gewinn zu hantieren“ und damit eine sozialistische Ökonomie aufzubauen, ist eine Konsequenz der halbherzigen ökonomischen Kritik der KP am Vorgefundenen (Teil I, Kapitel 3). In ihr wird die ungerechte „private Aneignung“ des „gesellschaftlich produzierten Reichtums“ beklagt, politisch werden die Staatsagenten beschuldigt, nicht „dem ganzen Volk“, sondern nur der herrschenden Klasse zu dienen – das führt zu einem Staatsprogramm, in dem ein dem ganzen Volke dienender Staat die Reichtumsproduktion demgemäß organisiert, was er für die fällige Durchsetzung des Wertgesetzes hält. Dieses Programm produziert eine ganze Reihe von Widersprüchen (Teil 1, Kapitel 4) und tritt spätestens dann ökonomisch in einen systematischen Gegensatz zu den Bedürfnissen des von ihm eingespannten Volks, wenn es deren Arbeitsleistung zum Mittel eines Wettbewerbs gegen andere Nationen macht (Teil 1, Kapitel 6).    

 

Weit weniger kann ich mich aber Ihrer Analyse der Kulturrevolution

anschließen. Ich habe sogar den Eindruck, dass sich die Kritikpunkte

nicht sehr von jenen unterscheiden, die so gern von bürgerlicher Seite

vorgebracht werden. Ich möchte das näher erörtern:

• Dass die Menschen in der Kulturrevolution mit Moral mobilisiert

wurden, ist richtig. Aber eine revolutionäre Umgestaltung kann nicht

auf die Ökonomie beschränken, sondern wird auf pädagogische Elemente

nicht verzichten können (das „wie“ kann hinterfragt werden). Dass

die „Massen“ nicht gelernt haben, als Subjekte für sich selbst zu

sprechen, wird auch gleichzeitig beklagt. Die Gefahr „zurück in den

Kapitalismus“ wird auch nach einer Revolution noch lange gegenwärtig

bleiben, schließlich ist das der leichtere Weg.

Wenn es so wäre, sollte man ihn auch gehen! Anders gesagt: Kommunismus ist nicht das Programm, die Welt moralisch zu veredeln, ist auch nicht der Entschluss für einen steinigen statt..., ist nämlich überhaupt kein „Weg“, sondern: eine praktische Kritik der kapitalistischen Gesellschaft, dass das in ihr staatlich geschützte Produktionsprinzip der Eigentumsvermehrung denjenigen, die den Reichtum dieser Gesellschaft produzieren, an allen Ecken und Enden schadet.

Die Kulturrevolution war ein Versuch dagegen anzukämpfen, der letztlich – so hat die

Geschichte bewiesen –nicht erfolgreich war, sonst wäre es ja nicht

möglich gewesen, den Kapitalismus ohne allzu großen Widerstand wieder

einzuführen. Für mich haben die Fragen, die gestellt wurden, eine

große Bedeutung. Und vor allem, DASS sie gestellt wurden. Die

patriarchalischen Gegensätze und Hierarchien nicht nur zwischen Mann

und Frau, sondern auch zwischen Intellektuellen und Bauern, Stadt- und

Landbevölkerung – sprich den Experten und Technokraten und jenen, die

bloß Anordnungen ausführen, ohne die Macht zu Entscheidungen zu haben,

sind, so finde ich, sehr wesentliche Fragestellungen, die keineswegs

irgendwo gelöst wurden und im heutigen Diskurs schon fast in

Vergessenheit geraten sind.

Hier werden eine ganze Reihe von Fragestellungen, die Sie interessant finden, in die chinesische Kulturrevolution hineinprojiziert – das ist ein ziemlich unsachliches, wenn auch allgemein durchaus übliches Verfahren. Vor allem macht sich nun allerdings bemerkbar, dass Sie die chinesische Ökonomie und Organisation des Staates unter Mao inklusive der Widersprüche, die sie in den ersten zehn Jahren schon hervorgebracht hat, gedanklich trennen von dem, was Mao mit seiner Kulturrevolution bekämpfen wollte. In der ging es eben nicht mehr darum, dass es noch einige Anhänger der alten Ordnung gab, die sich störend bemerkbar machten, sondern es handelte sich um einen Umgang mit der selbst geschaffenen Unzufriedenheit und dem eingerissenen Opportunismus der Massen. Einen Umgang, der aber die politisch-ökonomischen Gründe dafür partout nicht zur Kenntnis nehmen will – deshalb wird diese Kampagne dann eine „moralische“, die den „kleinbürgerlichen Egoismus“ anklagt und revolutionäre Selbstlosigkeit einfordert.

Auch ich habe früher mit sehr viel Interesse Berichte über die chinesische Kulturrevolution verschlungen – und mir hat sehr viel daran gefallen: die überkommenen Autoritäten angreifen, die Trennung von Hand- und Kopfarbeit überwinden und dafür die Überlegungen der Arbeiter und Bauern zur Geltung kommen lassen, schon wieder eingerissenes bürokratisches Funktionärstum zurückverpflichten auf das Ziel, eine Produktion im Interesse der einfachen Leute einrichten usw. usf.. All das wird es auch gegeben haben in einer solchen Phase „revolutionärer Versuche“, in denen mal nicht alles vorgegeben ist an Staatsräson und eingerichteter Unter- und Zuordnung von allem und jedem. Bei der Arbeit an meinem Buch ist mir allerdings klar geworden, dass man mit diesen sehr verschiedenartigen Schilderungen (es gibt ja auch jede Menge ziemlich verstörende Ereignisse!) noch nicht erfasst hat, worum es damals eigentlich politisch ging. Insofern stand zunächst einmal an, die chinesische Selbstdarstellung der Ereignisse (und da gab es auch schon wieder jede Menge verschiedene Sichtweisen auf diese Zeit) und die von vielen eigenen Projektionen getragenen Berichte der westlichen Linken geistig zu sortieren und dann so langsam einen Begriff zu entwickeln, der die Kulturrevolution als von Mao angeleitete Bewegung (aus welchem Grund, mit welchem Ziel?) gefasst hat und in der Lage war, die gesamten disparaten Phänomene, von denen zu lesen war, halbwegs logisch zu erklären.  


• Die Zerstörung der Ordnung zu beklagen finde ich total bürgerlich,

darauf gibt es nicht viel mehr zu sagen.

Es kommt ja wohl schon ein wenig darauf an, was für eine Ordnung zerstört wird und wozu! Wenn im Zuge der Kulturrevolution für eine relativ lange Zeit die Unis dichtgemacht werden, dann ist das natürlich nicht gerade förderlich für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes; wenn Planung und Umsetzung in Betrieben ausgesetzt werden, und zwar nicht, weil man entdeckt, dass die sich mit ein paar schlechten Prinzipien herumschlägt, die deshalb alle möglichen Widersprüche hervorbringen, sondern weil man eine moralische Diskussion über die saubere kommunistische Weste jedes Beteiligten lostritt – dann ist das eine Menge Zerstörung für einen falschen Zweck: für die Durchsetzung der Behauptung, dass wenn nur jeder die rechte Gesinnung hätte, dann würde die kommunistische Ökonomie endlich widerspruchsfrei funktionieren, das Volk beglücken und China nach vorn katapultieren. 


• Dass eine so gewaltige Massenbewegung von einer Person oder einer

Gruppe angeleitet werden kann, wird auch von Gegnern der

Kulturrevolution bestritten (leider weiß ich den Titel des Buches nicht

mehr, wo dieses Thema behandelt wurde, es waren jedenfalls chinesische

AutorInnen). Das hieße jedenfalls, die Massen gering einzuschätzen.

Dass viele vielleicht nur im Strom „mitgeschwommen sind“ und ihre

eigenen Ziele verfolgt haben, versteht sich von selbst, das wird aber

auch nie zu verhindern sein. Verschiedene Erfahrungsberichte zeigen

auch, dass die Einsätze auf dem Land durchaus auch sehr positiv und

bereichernd erlebt wurden (z.B. Wang Zheng: Some of Us.)

Ich habe mir von diesem Buch eine Kritik erwartet, die konstruktiv ist,

also Fehler aufzeigt, aber auch Alternativen bietet, die zugegebener

Maßen nur theoretisch sein können, da sie sich erst in der Praxis

bewähren müssen. Diese Erwartung wurde nur teilweise erfüllt.

Insgesamt ist mein Eindruck, dass die Kritik vor allem negativ ist.

Das ist ein seltsamer Vorwurf. Schließlich ergibt sich die Beurteilung des chinesischen Sozialismus ja aus der Analyse. Insofern ist die „negative Kritik“ der Sache geschuldet, der sie gilt – anders gesagt: ich habe bei der Erarbeitung schlicht und einfach keine hoffnungsvollen „Ansatzpunkte“ gefunden, an denen es sich lohnen würde, anzuknüpfen, in diese Richtung, wenn auch „konstruktiv kritisch“ weiterzudenken. Tut mir leid. Nein, tut mir nicht leid. 

Eine gewisse eurozentristische Arroganz (einige Male wird das Wort blöd

u.ä. verwendet) kann auch nicht ganz ausgeschlossen werden. Die Frage,

was wir tun können, ist jedoch völlig ausgeklammert.

Vielleicht können wir nichts tun? Ist das auch denkbar? Wobei eigentlich?

Nach wie vor bin ich der Meinung, dass die kühnen Experimente, die

während der Kulturrevolution in manchen Orten (keineswegs überall)

stattgefunden haben, haben es verdient haben, diskutiert zu werden, und

dass sie wertvolle Anregungen liefern können für eine Debatte über

Demokratisierung, Feminismus, das Ungleichgewicht zwischen Nord und Süd

usw.

Über eine Diskussion würde ich mich jedenfalls sehr freuen.

Ich hoffe, einiges zur Klärung vorgetragen zu haben.